Mitten ins Herz
Als sich gestern Nachmittag der Frankfurter Spieler Caio um 16:47 Uhr ein Herz fasste und einfach mal abzog, konnte man nur erahnen, dass dies wohl ein Moment ist, über den in Frankfurt noch lange geredet wird. Caio. Der Brasilianer, einst als übergewichtiger und überschätzter Fehleinkauf abgestempelt, zimmerte den Ball aus über 33 Metern direkt unter die Querlatte mitten in die Leverkusener Titelträume.
Man muss wissen, dass der unter Friedhelm Funkel wenig beachtete Caio gestern vor diesem Tor schon zweimal zuvor mit fulminanten und platzierten Schüssen knapp das gegnerische Tor verfehlte. Doch im dritten Anlauf sollte es dann gelingen. Der Ball flatterte von links und rechts, von oben und unten, beschrieb eine Flugbahn, die ihn unberechenbar machte und schlug mit lautem “wumms!” an die Unterkante der Querlatte und von dort direkt ins Tor hinein. Keine Chance, aber wirklich keine Chance für René Adler, der zu den besten Torleuten im Land gezählt werden darf.
Und während der Ball so flog – in Richtung Leverkusener Tor - wurde es unheimlich still in der Westkurve, und es blieb auch still, als der Ball hinter der Torlinie aufschlug. Zumindest einen Tick länger als sonst, wenn die Eintracht zu Hause den Ball im Tor versenkt. Um mich herum ungläubige Gesichter. Große Augen. Verwirrte Menschen. Wie bitte hat er das gemacht? Und dann nur noch Jubel. Grenzenloser Jubel. Gepaart mit Ausrufen wie “geil!”, “was ein Brett!” oder “unglaublich. unfassbar!”. Ein Moment für die Ewigkeit. Irgendwie.
Der Schuss des Brasilianers besiegtelte den verdienten Ausgleich der bärenstarken Frankfurter. Zuvor brachte Selim Teber die Heimmannschaft durch einen berechtigten Foulelfmeter in Führung, doch Leverkusens Kießling glich noch vor der Pause aus, und traf schließlich 40 Sekunden nach Wiederanpfiff zur Führung der Gäste. Bayer hatte das Spiel gedreht. Doch jeder im Stadion merkte: Da geht heute was. Eine Niederlage wäre für die Eintracht mehr als unverdient gewesen. Mit Leverkusen und Frankfurt trafen sich zwei gleichwertige Mannschaften an diesem Nachmittag im Waldstadion. Zwei Mannschaften, die auf einem sehr hohen Niveau Fussball spielten und die Partie zu einem ansehnlichen Spiel gestalteten.
Doch die Eintracht zeigte insgesamt mehr Engagement. Sie hatte den größeren Willen. Den Willen das Spiel zu gewinnen, um die kleine Chance auf Europa nicht aus den Augen zu verlieren. Und es war am Ende nur logisch und verdient, dass ausgrechnet Maik Franz, der an den beiden Gegentoren von Kießling nicht ganz schuldlos war, mit einem Fallrückzieher dann doch noch den Siegtreffer erzielte und das Stadion in der Schlussminute wieder einmal in ein Tollhaus verwandelte.
Als Fazit dieses Spiels bleibt nur das zu wiederholen, was der geneigte Fan in den vergangenen Wochen immer wieder feststellen konnte: Der Fussball, den Eintracht Frankfurt im Frühling 2010 spielt macht Spass. Und er ist erfolgreich. So erfolgreich, dass sogar Spitzenmannschaften und Titelanwärter mit spielerischen Mitteln besiegt werden können. Caio´s Tor war eine außergewöhnliche Einzelleistung, der Sieg jedoch eine geschlossene Mannschaftsleistung. Begünstigt durch Willen, Verstand und Herz. Einträchtlich eben.
Lesenswert:
Bilder vom Spiel auf SGE4EVER.de
Spendenauktion der Ultras Frankfurt für das CLEMENTINE Kinderhospital in Frankfurt am Main
One comment